7    Zusammenfassung

Ziel bei der Aufstellung von Bemessungsregeln für den Bau von Kläranlagen muß es sein, aus einer Vielzahl einzelner Erfahrungen allgemeine Grundsätze zu extrahieren und diese ohne einen gravierenden Verlust des Realitätsbezuges so zu vereinfachen, daß eine Bemessung unter zumutbarem Aufwand ermöglicht wird. Umgekehrt kann am Einzelfall überprüft werden, ob die gängige Bemessungspraxis dieses Ziel erfüllt oder ob Modifikationen vorzunehmen sind.

So wurden im Rahmen des Umbaus der Kläranlage Kappe zu einer SBR-Anlage mit einer Auslegung für 200 EW Untersuchungen durchgeführt, die Aufschluß über zu stark vereinfachte oder auf Irrtum beruhende Bemessungsmaßstäbe gaben.

Durch Konzentrationsmessungen der Parameter CSB, NH4-N, NO3-N, Nges und Pges sowie Mengenmessungen des täglich anfallenden Abwassers wurde die Belastung der Anlage ermittelt. Um genauere Angaben bezüglich der einwohnerspezifischen Abwassermengen und Frachten machen zu können, wurden zusätzlich die Lebensgewohnheiten der Dorfbewohner hinsichtlich ihrer tageszeitlichen An- bzw. Abwesenheit im Ort erfragt.

Am SBR-Reaktor wurde während des Einfahrbetriebes das Absetzverhalten des Belebtschlammes bei steigender Schlammkonzentration untersucht. Dies geschah anhand der Parameter TS-Gehalt, VSV und Sinkgeschwindigkeit des Schlammes in der Sedimentationsphase.

Die Ablaufqualität wurde durch Messungen des CSB-, NH4-N- und des NO3-N-Gehaltes kontrolliert.

Die Ermittlung des tatsächlichen Anschlußwertes an Werktagen ergab, daß der Anteil der sich tagsüber auswärts aufhaltenden schulpflichtigen und berufstätigen Bevölkerung beträchtlich ist und dadurch die anfallenden Abwassermengen deutlich reduziert sind. Dieses Phänomen tritt ausschließlich in kleinen Ortschaften auf, die weder Schulen noch eine nennenswerte Anzahl an Arbeitsplätzen aufweisen, führt aber gerade dort zu einer erheblichen Überschätzung der Einwohnergleichwerte, wenn es vernachlässigt wird.

Der tägliche Abwasseranfall ist auch bezogen auf die korrigierte Einwohnerzahl als niedrig zu bezeichnen. Mit 70 - 90 l/EW,d wird nicht wesentlich mehr als die Hälfte des in ATV-A 118 mit 150 l/EW,d angegebenen Standardwertes erreicht. Diese deutliche Unterschreitung ist in den ländlichen Regionen der neuen Bundesländer kein Einzelfall. Generelle Aussagen können aufgrund der unzureichenden Datenlage aber noch nicht getroffen werden.

Hinsichtlich der spezifischen Frachten wird zukünftig offenbar eine Korrektur des für Phosphor geltenden ATV-Richtwertes notwendig. Dieser wird von den in Kappe wie auch in der Literatur gefundenen P-Frachten um 25 - 50 % unterschritten.

Die in Kappe und Zehdenick - einer ebenfalls mit einer SBR-Anlage ausgestatteten Stadt mit 15.000 EW - durchgeführten Untersuchungen des Schlammabsetzverhaltens machten deutlich, daß die im ATV-Merkblatt M 210 angegebenen Bemessungsregeln für Aufstauanlagen zum Teil auf zu optimistischen Annahmen beruhen. So orientiert sich die mit 650 l/m2,h veranschlagte Schlammvolumensinkgeschwindigkeit an für vertikal durchströmte Nachklärbecken gefundenen Schlammvolumenbeschickungen. Die an den beiden Anlagen ermittelten Durchschnittswerte lagen jedoch bei 390 l/m2,h (Kappe) und 490 l/m2,h (Zehdenick). Sie weisen damit vielmehr auf eine Vergleichbarkeit mit horizontal durchströmten Nachklärbecken und Absetzversuchen in 1-l-Meßzylindern hin.

Zudem machte sich mit dem relativ großen Unterschied der in Kappe und Zehdenick gefundenen Schlammvolumensinkgeschwindigkeiten eine Abhängigkeit vom Schlammindex bemerkbar, die die Vorgabe eines Pauschalwertes für die Bemessungspraxis als unzweckmäßig erscheinen läßt. Es wird daher in diesem Sinne eine stärkere Differenzierung im Regelwerk empfohlen.

Daneben birgt die Berechnung der Schlammspiegelhöhe für das Ende der Sedimentationszeit nach M 210 die Gefahr einer Überschätzung des maximalen Volumenaustauschverhältnisses, da der Schlammspiegel zu diesem Zeitpunkt die relative Höhe des im Absetzversuch bestimmten Vergleichsschlammvolumens in der Regel noch nicht erreicht hat.

Es wird ein auf den Richtlinien des M 210 basierendes für die Bemessung vereinfachtes Schlammabsetzmodell entwickelt, das den gewonnenen Erkenntnissen Rechnung trägt. Dieses ist allerdings durch weitere Forschungsarbeiten zu verifizieren und gegebenenfalls zu korrigieren.

Eine Anwendung des neuen Modells auf die Berechnung des maximal erzielbaren Schlammalters zeigt, daß das vorhandene Beckenvolumen ausreicht, um eine weitgehende Stickstoffentfernung zu realisieren.


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